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Wenn Verwandte sterben – wie sag ich’s meinem Kind

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Friedhof

Mit dem Thema Tod tun wir uns in Deutschland sehr schwer, aber da wir immer später Kinder bekommen, sind kleine Kinder häufiger als früher damit konfrontiert, dass Oma oder Opa sterben. Wie erklärt man das seinem Kleinkind? Sollte man es mit zur Beerdigung nehmen und wie können Eltern mit ihrer eigenen Trauer gegenüber dem Kind umgehen? Darüber habe ich mit Danica Gehringer gesprochen, die einen ihrer drei Söhne verloren hat und Trauerbegleiterin für früh verwaiste Eltern ist.

Danica Gehringer habe ich in einem Facebook-Elternforum kennengelernt. Mir war aufgefallen, dass die 38-Jährige aus Bad Bramstedt dort immer tolle Antworten gab, wenn jemand fragte wie er seinem Kind beibringen soll, dass ein Großelternteil bald sterben wird oder gerade gestorben ist. Oder ob man Kinder mit zur Beerdigung nehmen soll oder nicht. Dass sich Danica mit diesem Thema auskennt, kommt nicht von ungefähr. Sie hat 2013 ihren zweitgeborenen Sohn Joshua verloren, der Junge ist mit spinaler Muskelatrophie (SMA) auf die Welt gekommen, einer unheilbaren vererbten Krankheit. Er starb zwei Wochen vor seinem ersten Geburtstag. Ihr großer Sohn Jonathan war damals zweieinhalb Jahre alt. Ende 2013 hat Danica noch einen dritten Sohn, Jonas, zur Welt gebracht.

Da sie merkte, wie alleine man sich mit so einem Schicksal oft fühlt, machte sie eine Fortbildung zur Trauerbegleiterin für früh verwaiste Eltern, denen es oft an psychischer und sozialer Begleitung fehlt. Danica ist außerdem Still- und Trageberaterin und arbeitet als Wirtschaftsberaterin in einer Hamburger Kanzlei. Sie hat mich zu Hause besucht und ich durfte eine bewundernswerte Frau interviewen, die am Tod ihres Sohnes nicht zerbrochen sondern stärker geworden ist.

DanicaGehringerDanica, wie hast Du Deinem damals  zweieinhalbjährigem Sohn Jonathan erklärt, dass sein Bruder sterben wird?

Wir haben ihm ehrlich gesagt ,was Sache ist. Wir haben gesagt, dass Joshua die Joshi-Krankheit hat und gleichzeitig immer mit dem Hinweis: Du hast sie aber nicht. Das ist ganz wichtig, um Ängste zu nehmen. Und wir haben ihm gesagt, dass wir nicht wissen, wie lange er noch lebt und dass er daran sterben wird. Als Joshua dann gestorben ist, haben wir Jonathan den Tod seines kleinen Bruders so erklärt, dass dieser über den Regenbogen zu den Engeln und den Sternen gegangen ist.

Was würdest Du Eltern raten, die ihr Kind auf den bevorstehenden Tod eines Angehörigen vorbereiten wollen?

Ich würde es so benennen, wie es ist. Also sagen, wie es um die Person steht. Und einfach sagen, ich weiß nicht wie lange er noch lebt, aber er wird sterben. Ich weiß nicht wann, aber er ist ja auch alt, wenn es beispielsweise um Oma oder Opa geht. Das einfach als Selbstverständlichkeit hinstellen. Das ist ja auch eine Selbstverständlichkeit, jeder von uns muss irgendwann sterben. Das Leben endet nun mal mit dem Tod.

Wenn der Opa oder die Oma beispielsweise schon lange krank sind und eine lebensrettende Operation ablehnen, würde ich es meinem Kind wohl so sagen: „Du, Schatz, Du weißt, der Opa ist schon lange krank. Ihm tut vieles weh und es gibt keinen, der ihn wieder gesundmachen kann. Das weiß der Opa auch und darum möchte er nicht mehr leben – wir fahren ihn also besuchen und verabschieden uns. Sag dem Opa gern alles, was Du ihm sagen möchtest, denn wenn er tot ist, kannst Du nicht mehr so mit ihm reden wie jetzt. Ja, das ist traurig, das finde ich auch. Aber Opa ist ganz sicher, dass es so besser für ihn ist. Und weißt Du was? Du kannst den Opa ja immer fühlen. Und zwar da, in Deinem Herzen. Wir sind bestimmt eine Weile ziemlich traurig, aber irgendwann gelingt es uns, dass wir uns freuen, weil wir so einen klasse Opa hatten und es ihm da, wo er jetzt ist, gut geht und ihm nix mehr weh tut. Und dann können wir wieder fröhlich sein und immer an den Opa denken.“

Und wenn vom Kind die Frage kommt: Muss ich auch mal sterben? Musst Du auch mal sterben? Was würdest Du antworten?

Ich habe Jonathan gesagt, dass wir alle sterben. Wenn unsere Zeit um ist, sterben wir. Er hat alle Leute einzeln abgefragt. Mama auch? Papa auch? Opa auch? Ich finde es falsch, da etwas vorzulügen. Ich habe ihm gesagt, mein Plan ist, hoffentlich noch ganz lange zu leben und auch Oma zu werden, wenn er mal Kinder kriegt, aber dass ich es einfach nicht weiß, weil ich nicht weiß, wann mein Leben zu Ende ist.




Wie beantwortet man die Frage nach dem „warum“?

Wenn mein großer Sohn fragt, warum sein Bruder tot ist, bekommt er die Antwort, dass Joshua ganz krank war, keine Kraft mehr hatte und dann zum für sich richtigen Zeitpunkt aufgehört hat zu leben. Und darum ist er nun halt tot. Alle Menschen und auch alle Tiere hören irgendwann auf zu leben.

Ich finde es aber wichtig, dem Ganzen immer auch eine positive Note zu geben, wir sagen immer, wir vermissen ihn alle, aber wir können ihn ja in unseren Herzen fühlen, dieses Vermissen ist unsere Liebe für den Verstorbenen. Er ist ja immer noch da, wir haben ihn nicht vergessen, er ist ja bei uns. Ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Toten bei uns sind, in unserer Erinnerung, in unseren Gefühlen, in unseren Herzen, dass die Sehnsucht, die wir spüren, einfach Ausdruck der Liebe ist.

Worauf müssen Eltern achten, wenn sie kleinen Kinder erklären, dass ein Mensch gestorben ist?

Ganz doof ist, zu sagen, „er ist eingeschlafen“, „er ist entschlafen“ oder „er ist von uns gegangen“, das sind so diffuse Ausdrucksweisen, die machen einfach Angst. Ja, wo ist der denn hin? „Auf eine lange Reise ohne Wiederkehr“. Hm. Kinder nehmen das wörtlich, solche Begriffe machen ihnen Angst und schlussendlich ist es aus Sicht der Kinder eine Lüge. Sagt es also bitte, wie es ist: Er ist gestorben. Er ist tot. Andernfalls besteht die Gefahr, dass das Kind Angst bekommt, wenn Ihr in den Urlaub fahrt oder sich nicht mehr traut, einzuschlafen. Das ist dann oft ganz belastend für die Kinder.

Wie können Eltern generell mit den Kindern über das Thema Tod sprechen?

Vor drei Wochen ist nach vielen Jahren unser Papagei gestorben, er ist nachts einfach von der Stange gefallen. Dann fragte mich Jonathan: „Mama, sterben wir alle so plötzlich?“ Ich sagte: „Du, das ist ganz unterschiedlich, das kann plötzlich sein, das kann nach schwerer Krankheit sein.“ Er fragte dann: „Aber wir sterben doch nicht alle einfach im Schlaf, oder?“ Ich sagte: „Das ist wirklich ganz unterschiedlich, manche sterben im Schlaf, die wachen dann einfach nicht mehr auf, das merkt man nicht so richtig, glaube ich, aber weiß ich nicht genau, ich leb ja noch.“ Einfach zugeben, was ihr nicht wisst. Möglichst ehrlich sein, nicht sagen, da kommen irgendwelche Harfenengel und holen einen ab und bringen einen in ein helles Licht. Diese ganzen Märchen machen Bilder in die Köpfe der Kinder, das kann eine ganz blöde Dynamik kriegen. Genauso wie ich immer sage, wenn wir zu Joshis Grab gehen, dass wir zu dem Grab gehen. Ich weiß, es gibt ganz viele Sterncheneltern, die sagen, wir gehen zum Bettchen. Das ist aber kein Bettchen, ich möchte im Kopf meines Kindes eine ganz klare Trennung haben zwischen Grab und Bett.

Kinder bis zum Alter von 7 oder 8 oder 9, die nehmen uns wörtlich, da müssen wir auf unsere Worte achten, denn die Worte pflanzen Bilder in die Köpfe. Einfach sagen, wie es ist. Der Opa ist tot. Der Papa ist tot. Das klingt für uns ganz hart und ungewohnt, weil wir das Thema nicht mögen und aus Angst ausweichen. Aber die Kinder merken unsere Unsicherheit und unsere Angst, und das macht sie wiederum unsicher und ängstlich. Sie brauchen Orientierung, und die bekommen sie am besten über klare Sprache.




Kinder zur Beerdigung mitnehmen oder lieber nicht?

Wenn es möglich und organisierbar ist, würde ich sie immer mit auf die Trauerfeier nehmen. Gerade wenn das Kind die gestorbene Person gut gekannt hat. Es merkt ja auch, da ist eine große Familienfeier und alle dürfen hin – nur ich nicht. Ein Kind auszuschließen, während sich in der Familie so was Riesiges ändert, dass eine geliebte Person stirbt? Das ist doch das falsche Signal. Dann ist das Kind auf sich alleine zurückgeworfen, weiß gar nicht, was Sache ist, es wird unsicher, das ist nicht gut. Kinder brauchen Sicherheit in dieser Situation und die kriegen sie, wenn sie wissen, ich darf da mit hin, ich darf alles fragen, ich kriege immer eine Antwort, ich darf alles sehen. Die Kinder sind so schlau, die sagen, wenn sie das nicht sehen wollen. Die gehen auch raus, die drehen sich um, wenn es ihnen zu viel wird. Wenn gewährleistet ist, dass jemand mit dem Kind rausgehen kann, wenn es ihm zu viel wird, spricht nichts dagegen.

Kinder sind außerdem eine Bereicherung auf Beerdigungen, sie bringen da einen ganz anderen Blickwinkel mit rein, weil Du siehst, dass das Leben weitergeht.

Kann man ihnen den Anblick einer Leiche zumuten?

Das würde ich davon abhängig machen, ob das Kind das möchte und was vorangegangen ist. Wenn es sich um jemanden handelt, der lange krebskrank war und dann vielleicht ganz anders aussieht, dann würde ich es vielleicht nicht machen. Aber grundsätzlich würde ich bei jemandem, der friedlich gestorben ist, immer versuchen, relativ zeitnah nach dem Tod das Kind nochmal hinzulassen. Denn ein Toter sieht auch nicht sofort tot aus, das ändert sich erst über die Zeit. In Joshis Fall dauerte das über eineinhalb Tage bis er sichtbar fremd und unheimlich war, für mich als Mutter. Die Zeit kann gut genutzt werden für Fotos, vielleicht auch mit der Oma oder dem Opa und dem Kind drauf, vielleicht auch einfach, wie sie die Hand halten. Das sind ganz wichtige Erinnerungen.

Wie können Eltern am besten mit ihrer eigenen Trauer gegenüber dem Kind umgehen?

Das kann man gar nicht verbergen, Kinder spüren die Trauer unterschwellig – und ich würde da auch einfach ganz offen kommunizieren. Also die Trauer nicht verstecken, sondern die Wahrheit sagen. Sagen ich bin traurig, weil XY tot ist, ich weine, weil ich ihn vermisse. Das können Kinder vertragen. Natürlich solltet Ihr das möglichst kindgerecht und altersgerecht erklären, aber so, dass Ihr authentisch und ehrlich sein könnt. Jede Lüge, jedes Zögern, das merken die Kinder. Wichtig ist, zu sagen, warum du traurig bist oder warum du weinst, also Gründe zu nennen. In so einer Situation ist es außerdem wichtig, dass ihr nicht unsichtbar werdet, einfach abzutauchen ist unfair. Klar ist es manchmal anstrengend, in der eigenen Trauer für das Kind da zu sein. Aber dann sagt einfach mal, ich kann gerade nicht mehr, weil mich das so traurig macht, lass mich mal kurz weinen, ich bin gleich wieder für dich da. Feste Absprachen treffen und die dann auch einhalten – das ist ein guter Weg.



Wie kann man Kindern die Trauer erleichtern?

Durch Dasein, durch Geschichten erzählen, sie haben ja mit den Menschen, die alt sterben, auch schöne Dinge erlebt, daran könnt ihr sie erinnern. Vielleicht holtiIhr Geschenke nochmal raus, die das Kind von der verstorbenen Person bekommen hat, oder schaut Fotos von gemeinsamen Unternehmungen an, um zu feiern, wie schön diese gemeinsame Zeit war. Der Tod ist ja der Wandel einer Beziehung und durch diese Zeit des Wandels kann das Kind gut begleitet werden, indem es Sicherheit, Nähe und Orientierung bekommt. Und bitte keine Vorschriften machen, wie es zu trauern hat.

Hast Du Buchtipps, um mit Kindern über das Thema Tod und Sterben zu sprechen?

Es gibt unglaublich viele gute Bücher dazu. Meine Schwester hat uns das Buch Abschied von der kleinen Raupe* geschenkt. Das ist ein Buch, das mag ich sehr gern. Weil es zeigt, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist. Mit größeren Kindern sind sicher auch Erinnerungsalben zum Selbstgestalten eine gute Idee. Weitere Buchtipps für verschiedene Altersstufen und Rezensionen der Bücher findet ihr auf der Gemeinschaftsseite „Wenn Kinder trauern“ Facebook.

Liebe Danica, ich danke Dir ganz herzlich für das Interview!

Fotos: Mamaclever

 

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