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Nachtschreck – wenn das Kind zum Zombie wird

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2801158109_09dcebfa30_oWenn das Kind nachts plötzlich schreiend aufwacht, völlig außer sich und überhaupt nicht ansprechbar ist, dann ist das für die Eltern, die das zum ersten Mal erleben, ein großer Schock. Will man es trösten und auf den Arm nehmen, schlägt das Kind oft nur noch wilder um sich. Was absolut beängstigend ist, ist aber in Wahrheit ziemlich harmlos. Das Phänomen heißt Nachtschreck oder Pavor nocturnus und kommt bei Kindern ab dem zweiten Lebensjahr vor. Wer schon einmal davon gehört hat, der weiß, wie er richtig reagiert.

Von einem Nachtschreck hatte ich noch nie etwas gehört – bis mein Sohn mit knapp zwei Jahren einen hatte. Für uns Eltern war das ein ziemlich dramatisches Erlebnis – das Kind wirkte völlig von Sinnen, wie ein Zombie, war überhaupt nicht ansprechbar und als wir versuchten, es zu beruhigen, da schlug es nur noch wilder um sich. Nach einigen Minuten war der Spuk zu Ende. Er wiederholte sich allerdings in den Monaten darauf ab und zu. Wir waren ziemlich verstört von dem Erlebnis – nur gut, dass ich in unserem Ratgeber Babyjahre* von Remo H. Largo etwas dazu fand.

Der Pavor nocturnus, wie der Nachtschreck wissenschaftlich korrekt heißt, ist ein normales Schlafphänomen, das bei einem bis sechs Prozent aller Kinder vorkommt. Er tritt vor allem zwischen dem zweiten und fünften Lebensjahr auf, selten schon früher. Am häufigsten kommt er im Alter zwischen drei und fünf Jahren vor. Er tritt typischerweise ein bis drei Stunden nach dem Einschlafen, also in der ersten Nachthälfte, auf. In der Familie oder der weiteren Verwandtschaft besteht häufig eine vermehrte Neigung zu solchen Nachtschreck-Anfällen oder auch zum Schlafwandeln.



Bis zu 15 Minuten Horror

Ein Nachtschreck kann zwischen einer und 15 Minuten dauern – eine ziemlich lange Zeit für die Eltern (und Nachbarn, die sich wahrscheinlich fragen, warum man sein Kind so lange nachts brüllen lässt und was man mit ihm macht…).

Die Symptome eines Nachtschrecks sind

  • angstvolles Schreien oder Weinen
  • weit geöffnete Augen
  • Kind wirkt ängstlich, wütend oder verwirrt
  • schwitzen
  • verstärktes Atmen
  • erhöhter Puls
  • Kind ist nicht ansprechbar
  • Kind erkennt die Eltern nicht
  • Kind lässt sich nicht beruhigen
  • Körperkontakt führt dazu, dass es um sich schlägt/Eltern wegstößt

Harmlose Aufwachstörung, die sich von selbst gibt

Ein Kind, das einen Pavor nocturnus hat, befindet sich in einem Zwischenzustand aus Schlaf- und Wachzustand, deshalb gilt der Nachtschreck in der Forschung als Aufwachstörung. Ihr liegt ein teilweises Aufwachen aus dem tiefsten Non-REM-Schlaf zugrunde. Das heißt, das Kind wacht aus dem Tiefschlaf unvollständig auf, was sich in einer Art Verwirrtheitszustand äußerst.

Zum Nachtschreck kommt es, wenn der Wechsel vom Tiefschlaf in den Traumschlaf gestört und das kindliche Nervensystem übererregt ist. Man vermutet, dass bei der Entstehung Reifungsprozesse im zentralen Nervensystem eine Rolle spielen. Der Nachschreck kann bei Kindern deshalb auftreten, weil ihr Nervensystem noch nicht voll entwickelt ist und das Gehirn noch nicht gelernt hat, von einem in den anderen Schlafzustand zu wechseln. Meistens gibt sich der Pavor nocturnus deshalb irgendwann ganz von selbst – so war es auch bei uns.




So verstörend es ist, bei seinem Kind einen Nachtschreck zu erleben, es besteht kein Grund zur Sorge. Der Pavor nocturnus gehört zum normalen kindlichen Schlafverhalten, es handelt sich dabei weder um eine Verhaltensauffälligkeit noch um eine psychische Störung. Der Nachtschreck hat auch nichts mit falscher Erziehung zu tun und ist auch nicht Folge schlimmer psychischer Erlebnisse.

Begünstigt werden kann der Nachtschreck durch Fieber, durch Schlafmangel und unregelmäßige Bettzeiten oder wenn das Kind etwas aufregendes am Tag zuvor erlebt hat.

Da hilft nur abwarten – und Nachbarn aufklären

Was also tun? Am besten nichts, auch wenn das zugegebenermaßen schwerfällt. Das Kind kann während eines Pavor nocturnus nicht oder nur schwer geweckt werden. Es wacht irgendwann von selbst abrupt auf, der Puls und die Atmung normalisieren sich und die Angst verschwindet aus dem Gesicht. Das Kind ist plötzlich zufrieden, müde und schläft schnell ein. Es hat am nächsten Tag und auch später keinerlei Erinnerungen an den Nachtschreck, denn es nimmt ihn nicht bewusst wahr. Der Nachtschreck ist eigentlich eher für die Eltern ein Schreck als für das Kind.

Wenn man versucht, das Kind zu beruhigen, zum Beispiel durch Streicheln oder auf den Arm nehmen, dann regt es sich zusätzlich auf. Es kann durchaus passieren, dass es die Eltern wegstößt und um sich schlägt. Ich konnte meinen Sohn dann kaum noch auf dem Arm halten. Deshalb ist es besser, wenn man lediglich beruhigend auf das Kind einredet und es vor Verletzungen schützt, bis der Spuk vorbei ist. Wenn man versucht, es mit allen Mitteln zu wecken, dann verstärkt man die Angst nur noch.



Da die meisten Menschen von diesem Phänomen noch nie etwas gehört haben, ist es vielleicht auch ganz sinnvoll, den Nachbarn zu erklären, was ein Nachtschreck ist und dass das Kind den ab und zu hat. Nicht dass die denken, da wird ein kleiner Mensch misshandelt. Wir jedenfalls haben den jungen Mann, der unter uns wohnte, erklärt, warum unser Sohn manchmal nachts wie am Spieß schreit. So mussten wir wenigstens keine Angst davor haben, dass er Wunder was denkt.

Ähnliche Nacht-Phänomene

Vom Nachtschreck muss man Angstträume unterscheiden, sie kommen überwiegend in der zweiten Nachthälfte vor. Anders als beim Nachtschreck sind die Kinder bereits wach, wenn die Eltern auf sie aufmerksam werden. Sie wirken verängstigt, aber nicht orientierungslos und sie möchten getröstet werden und brauchen die Zuwendung der Eltern. Ist das Kind von einem Angsttraum betroffen, dann kann es sich mit den Eltern verständigen und sie erinnert sich – je nach Alter – am nächsten Tag auch oft an das Geträumte.

Tritt der Nachtschreck extrem häufig und intensiv auf, dann solltet ihr mit einem Arzt darüber sprechen, denn möglicherweise werden die Episoden von anderen Erkrankungen ausgelöst. Zudem können nächtliche gutartige epileptische psychomotorische Angstzustände  ähnlich ablaufen – sie sind allerdings sehr selten und dauern meistens nur ein bis zwei Minuten. Zudem treten sie oft auch am Tage oder auch mehrfach in einer Nacht auf.

Foto: Cry Baby von Tacit Requiem/Flickr unter CC BY 2.0

Ein Kommentar

  1. Nachtschrecks sind fies. Wir haben die Erfahrung mit dem großen Sohn leider schon mehr als einmal durch. Irgendwann weiß man, wie man sich zu verhalten hat, aber als das zum ersten Mal auftrat habe ich mich schon ziemlich hilflos gefühlt und hatte auch gar nicht auf dem Schirm, was dem Junior da gerade wiederfährt.

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