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Wie lange Stillen? Statistiken und Empfehlungen

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5205274432_ab2c1efb51_z (1)Wer sein Neugeborenes nicht stillt, wird schief angesehen. Wer den Nachwuchs mit einem Jahr immer noch an die Brust lässt, ebenfalls. Die meisten Mütter sind heutzutage der Meinung, dass Muttermilch das beste für ihr Baby ist und eine Mehrheit stillt auch. Aber über die Dauer gehen die Meinungen sehr auseinander. Statistiken zeigen, dass die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Deutschland nicht erfüllt werden.

Wie lange in Deutschland gestillt wird und wie viele Mütter stillen, dazu gibt es drei wissenschaftliche Studien. Die SuSe-Studie von 1997/1998, aktuellere Daten liegen aus Bayern und Berlin vor, wo zwischen 2004 und 2006 Untersuchungen zum Stillverhalten durchgeführt wurden und dann hat das Robert-Koch-Institut im Rahmen des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) für die Geburtenjahrgänge 1986 bis 2005 Daten zum Stillen erhoben.

Die verfügbaren Zahlen deuten darauf hin, dass in Deutschland etwas 90 Prozent aller Mütter zu stillen beginnen, nach zwei Monaten noch etwa 70 Prozent der Säuglinge gestillt werden und die Stillrate nach sechs Monaten bei 40 bis 50 Prozent liegt.  Im sechsten Monat ausschließlich gestillt werden noch weniger Kinder. In Bayern waren es 21 Prozent, laut SuSe-Studie 13 Prozent.

Im Schnitt werden Kinder in Deutschland knapp 7 Monate gestillt

Die durchschnittliche Stilldauer für Kinder, die zwischen 1986 und 2005 geboren wurden, betrug 6,9 Monate, wobei Kinder aus Westdeutschland mit durchschnittlich 7,0 Monaten länger gestillt wurden als Kinder aus Ostdeutschland mit durchschnittlich 6,3 Monaten. Die Stilldauer bei Müttern mit hohem Sozialstatus lag bei durchschnittlich 8,5 Monaten, mit niedrigem Sozialstatus hingegen bei durchschnittlich 6,2 Monaten. Mit 7,8 Monaten wurden Kinder mit Migrationshintergrund einen Monat länger gestillt als Kinder ohne Migrationshintergrund. Am längsten stillten Mütter, die bei der Geburt ihres Kindes zwischen 30 und 39 Jahren alt waren.

Die Firma Lansinoh, die allerlei Produkte zum Stillen herstellt, hat im Oktober 2012 in einer repräsentativen Umfrage mehr als 1200 Mütter nach der idealen Stilldauer gefragt. Die Antworten sahen folgendermaßen aus:  31 Prozent sagten 3-6 Monate , für 6-9 Monate sprachen sich 29 Prozent aus, 22 Prozent meinen 9-12 Monate, etwas mehr als 6 Prozent finden 12-18 Monate ideal und 4 Prozent meinen, dass ein Kind noch länger gestillt werden sollte. Ebenso viele waren aber auch der Ansicht, ein Kind müsse gar nicht gestillt werden und nochmal so viele sagen 0-3 Monate seien genug.

WHO empfiehlt sechs Monate ausschließliches Stillen

Zum Vergleich: Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt seit 1990 sechs Monate ausschließlich zu stillen und darüber hinaus beikostbegleitend weiter zu stillen bis zum vollendeten zweiten Lebensjahr! Die Nationale Stillkommission in Deutschland sagt, ausschließliches Stillen sei in den ersten sechs Monaten für die Mehrzahl der Säuglinge die ausreichende Ernährung. Beikost sollte in der Regel nicht später als zu Beginn des siebten und keinesfalls vor dem Beginn des fünften Lebensmonats gegeben werden. Und weiter: „Beikosteinführung bedeutet nicht Abstillen, sondern eine langsame Verminderung der Muttermilchmengen und Stillmahlzeiten“. Beikost sollte unter dem Schutz des Stillens eingeführt werden, denn die Beikosteinführung und das zeitgleiche Stillen sind erwiesenermaßen ein präventiv wirksamer Schutz vor Nahrungsmittelunverträglichkeiten.

Zum Zeitpunkt des Abstillens gibt die Nationale Stillkommssion keine Empfehlung, weil sich „für Deutschland hierzu keine wissenschaftlich begründete Basis finden lässt“. Dies sei eine individuelle Entscheidung, die gemeinsam von Mutter und Kind getroffen werde.

Von der Industrie manipulierte Studie

Die zahlreichen Gläschen mit der großen Aufschrift „Ab 4. Monat“ suggerieren allerdings, dass man schon vor Vollendung des sechsten Monats zufüttern sollte. Das ist zwar nicht im Interesse des Kindes, aber in dem der Babynahrungshersteller, denn je früher die Säuglinge mit Gläschenkost gefüttert werden, desto höher die Verkaufszahlen.


Auch im Interesse der Industrie war 2010 das vermeintliche Ergebnis einer Studie des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE) an der Universität Bonn, wonach ausschließlich gestillten Kindern Eisenmangel drohe, wenn sie nicht ab dem vierten Monat Fleischgläschen bekommen. Dies hat viele Mütter verunsichert, denn es stand in vielen Medien. Nur kann diese Schlussfolgerung aus den Ergebnissen der Studie überhaupt nicht gezogen werden, wie renommierte Ärzte bei einer Überprüfung feststellten. Weiß man, dass die Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (das sind die, die im Fernsehen mit „Fleisch , ein Stück Lebenskraft“ werben) die Studie mitfinanziert hat und auch offiziell als ihr Sponsor genannt wurde und dass Hipp und Nestlé die Gläschen lieferten, ist das seltsame Ergebnis, das die Daten nicht hergeben, schon weniger seltsam. Näheres kann man bei der Welt am Sonntag und hier lesen.

Foto: Flickr.com/Mothering Touch Al van Akker unter CC BY 2.0

5 Kommentare

  1. Toller Artikel, genau nach meinem Geschmack!
    Nur eine klitzekleine Anmerkung: Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt seit 1990 sechs Monate ausschließlich zu stillen und darüber hinaus beikostbegleitend weiter zu stillen bis zum vollendeten zweiten Lebensjahr! – und darüber hinaus, so lange Mutter und Kind es möchten, also mindestens bis zum zweiten Geburtstag 🙂 Nachzulesen hier: http://www.who.int/features/factfiles/breastfeeding/facts/en/

    Viele Grüße aus dem Apfelgarten
    Lena

  2. Hallo Lena,

    vielen Dank für die Ergänzung!

  3. Vielleicht sollte auch mal angemerkt werden, dass die Empfehlung der WHO für den gesamten Erdball gilt und sich vor allem an Länder richtet, in denen aufgrund der schlechten Qualität des Trinkwasser oder der schlechten Versorgung das lange Stillen aus gesundheitlichen Gründen die beste Variante ist. Dieser Hintergrund wird bei der Angabe dieser Zwei-Jahres-Empfehlung oftmals nicht erwähnt. Wenn man schon objektiv über das Thema berichten möchte, dann sollte man diesen Aspekt nicht einfach weglassen, nur weil er die eigene Meinung zum Stillen nicht untermauert.

  4. Pingback: Säuglinge: Wie lange sollte man ein Baby stillen?

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