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Wo Mütter zu Hyänen werden: Eine Reportage vom Babybasar

Nirgends kann man so effizient und mit so viel Adrenalin Kinderklamotten kaufen wie auf dem Nummernflohmarkt. Mamaclever hat sich ins Getümmel gestürzt und fette Beute gemacht. Lest hier, was Euch bei einem vorsortierten Kinderflohmarkt erwartet.

Samstagmorgen, eigentlich würde ich jetzt gemütlich zuhause beim Frühstück sitzen. Doch heute stehe ich vor einer Turnhalle am Stadtrand und werde immer nervöser. Warum ist hier schon so ein Pulk anderer Mütter? Die Tür, die ich in der Ferne nur erahnen kann, soll doch erst in einer Viertelstunde aufgehen! Und warum haben die alle große blaue Ikea-Taschen über der Schulter hängen? Ich habe nur meine normale Handtasche dabei. Mein Mann will wieder umkehren und nölt herum, das sei ja wohl nicht mein Ernst. Oh doch! Ich drücke ihm wortlos Tochter und Babytrage in den Arm. Gleich beginnt der Wettlauf, da kann ich keinen Ballast gebrauchen. Die Konkurrenz hat ihren Nachwuchs zu Hause gelassen oder ebenfalls an den Vater übergeben. Langsam schwant mir, warum Schwangere eine halbe Stunde früher rein dürfen. Natürlich nur gegen Vorlage des Mutterpasses, schummeln mit Kissen geht nicht.


Meine Mutter und Schwester schwärmten schon länger von diesem tollen Babybasar in meinem Heimatdorf, bei dem alles nach Größen sortiert ist und wo man zweimal im Jahr sooo günstig sooo viele toll erhaltene Babysachen ergattern kann. Mein Heimatdorf liegt zwar 700 Kilometer entfernt, aber da ich schwäbische Gene habe, suche ich in Hamburg nach so einem Eldorado für Baby-Schnäppchen-Jäger. Gebrauchte Babysachen sind nicht nur viel günstiger als Neuware, auch die Umwelt freut sich, wenn Strampler von mehreren Kindern getragen werden. Und ich muss mich nicht um die Gesundheit meiner Kleinen sorgen: Die Schadstoffe, die in neuer Kleidung leider häufig drin sind, sind schon rausgewaschen und obendrein kann ich auf dem Spielplatz und in der Kita mit Einzelstücken glänzen, die anders als die aktuelle H&M-Kollektion nicht gleich jedes dritte Kind anhat.

Auf einer Internetseite, die Flohmarkttermine auflistet, werde ich unter dem Stichwort Abgabebasar fündig. Manchmal heißt es auch vorsortierter Babyflohmarkt, Nummernflohmarkt oder schlicht Babybasar.

Schnäppchenchancen gibt’s nur zweimal im Jahr

Keine Sorge, ein solcher Nummernflohmarkt hat nichts mit dem üblichen Flohmarkt-Chaos aus unübersichtlichen Wühlkisten und Ramsch an allen Ecken und Enden zu tun. Nein, ein Nummernflohmarkt ist nahezu perfekt organisiert! In Turnhallen, Kitas oder Gemeindehäusern bauen ehrenamtliche Helfer große Tische auf, jeder Tisch hat eine Nummer. Sie entspricht der Konfektionsgröße. Unter jedem Nummernschild liegen dann unfassbar große Berge Klamotten, fein säuberlich sortiert nach Hosen, Oberteilen, Jacken und Bodys. Sie wurden zuvor von den Vorbesitzern in Waschkörben angeliefert und mit Etiketten versehen, auf denen jeweils die Verkäufernummer und der Preis stehen. Es gibt nur ein Problem: Der Nummernflohmarkt findet selten statt, nur einmal im Frühjahr und einmal im Herbst. Und seine Vorzüge wissen auch viele andere Mütter zu schätzen. Zu viele.

Pünktlich um 10 Uhr öffnen sich die Türen. Was folgt, kannte ich bisher nur aus dem Fernsehen, als in den 80er-Jahren in der Tagesschau die Wühltische zum Winterschlussverkauf gezeigt wurden. Oder aus Internetvideos zum Verkaufsstart irgendeines Apple-Produktes. Mein Puls geht hoch, mein Bauch kribbelt, die Hände zittern vor Aufregung. Ich kann kaum an mich halten, nicht zu sehr in Richtung Tür zu drängeln. In meinem Gehirn ist das Jagd- und Beute-Modul angesprungen. Mann und Kind? Vergessen. Irgendwo weit hinter mir. Den anderen Müttern muss es ähnlich gehen – sonst würde nicht so ein Gedränge herrschen.


Meine Augen scannen die Halle nach dem Tisch mit der Nummer 74. Meine Kleine trägt gerade Größe 68, es wird nicht mehr lange dauern, dann wird sie aus ihren Klamotten herausgewachsen sein. Also müssen neue Bodys, Schlafanzüge, Hosen und Pullover her, außerdem brauchen wir für den anstehenden Winter Schneeanzug und Winterjacke. Dazu Handschuhe, Mützen und einen Schal.

Einkaufen mit dem Müllsack

An der Tür reiße ich der Einlassdame einen großen gelben Müllsack aus der Hand. Damit stürme ich zum passenden Tisch. Gut, dass ich mich morgens für sprinttaugliche Ballerinas und gegen High Heels entschieden habe. Da, eine Lücke! Ich dränge mich zwischen zwei Frauen. Hastig wälzen meine Hände die Kleiderstapel um. Blick aufs Etikett: begehrte Marke oder Ramsch? Egal! Die Hose sieht aus wie neu. Billig ist sie auch. Rein in den Sack. Alles, was halbwegs brauchbar ist, landet darin. Und der ein oder andere Ellenbogen in meinen Rippen. Aua. Wir Mütter haben uns in raffgierige Hyänen verwandelt, die sich auf ihre Beute stürzen. Aber wir können nichts dafür. (Fast) jedes Teil gibt es hier nur ein einziges Mal. Das weckt unseren Sammeltrieb. Sagt Konsumforscher Willy Schneider. “Wir müssen kaufen, bevor es jemand anderes tut. Das ist evolutionsbedingt.”

Zehn Minuten später: Der Tisch ist zerwühlt, der Sack kurz vorm Bersten. Kürzlich habe ich gelesen, dass Schnäppchenwerbung im Gehirn wie eine Prise Kokain wirkt. Auf mich hat der Nummernflohmarkt eine ähnliche Wirkung. Ziemlich high angesichts meiner Ausbeute schlendere ich zur Spielzeugecke, um kurz zu schauen, ob es da auch irgendetwas gibt, was wir brauchen könnten. Mein Großhirn, das fragt: “Brauche ich das wirklich?”, schaltet sich erst später wieder ein, als ich mit meinem prall gefüllten Müllsack in einer Ecke auf dem Boden sitze, wiedervereint mit Mann und Kind.

Brauchen wir wirklich fünfzehn langärmlige Shirts? Und ist die wunderhübsche Mütze, die nur 10 Cent kosten soll, nicht eigentlich schon ein bisschen zu klein? Und da, ein Fleck auf dem vermeintlichen Schnäppchen! Jetzt wird aussortiert. Gnadenlos. Den Preis runterhandeln kann man hier nicht, aber da das Angebot groß ist, sind die Preise trotzdem klein. Und das, obwohl meist 20 Prozent des Erlöses einem guten Zweck zufließen. Was zu teuer ist, bleibt liegen und kein Verkäufer will kistenweise Kleidung wieder abholen müssen.

20 Kleidungsstücke plus Spielzeug für 42 Euro

Am Ende schleppe ich gut die Hälfte zurück zum Tisch, nicht ohne zu schauen, ob sich unter dem, was die anderen zurückgebracht haben, vielleicht doch noch das ein oder andere brauchbare Teil befindet. Dann geht es zur Kasse und da ist es dann vorbei mit dem effizienten Shoppen. Eine riesige Schlange hat sich gebildet, die bis zwischen die Tische mit den Kinderbüchern reicht. Mann und Kind verkrümeln sich zum Kuchen essen, den gibt es hier für einen Euro das Stück, selbstgebacken. Ich schnappe mir noch ein paar Bilderbücher, bei 50 Cent das Stück kann man ja nicht viel falsch machen. Zu Hause werde ich feststellen, dass ich die Zeichnungen wenig realistisch und die Geschichten eigentlich ziemlich doof finde.


Ich zähle und rechne: 20 Kleidungsstücke, sechs Bilderbücher, ein Duplo-Laster, Schwimmflügel und eine Motorikschleife, die Papa angeschleppt hat – für schlappe 42 Euro. Mein Puls wird wieder langsamer, das Kribbeln im Bauch ist einem warmen Gefühl der Freude und des Triumphes gewichen. Der Winter kann kommen. Und ich komme wieder, im Frühjahr. Dann aber noch ein bisschen früher. Wer weiß, welche Schätze die Mütter ganz vorne in der Schlange ergattert haben.

Foto: Mamaclever

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Eva Dorothée Schmid: Ich bin Journalistin und Mutter eines Sohnes (geb. 2012) und einer Tochter (geb. 2015), wohne in Hamburg und versuche als Mamaclever, Eltern fundierte Antworten auf alle Fragen zu geben, die sich mit Baby, Klein- oder Kindergartenkind so stellen.
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