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Hypnobirthing: Ein Weg zu sanfteren Geburten?

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HypnobirthingAls ich auf einer Babymesse zum ersten Mal von Hypnobirthing hörte, dachte ich ehrlich gesagt: Was ist das für ein esoterischer Schwachsinn. Dann habe ich dort allerdings eine Infoveranstaltung besucht und mich mit einer Kursleiterin unterhalten und musste feststellen, dass dies durchaus eine gute Methode sein könnte, sich auf die Geburt vorzubereiten und dass Hynobirthing mit Esoterik nicht viel zu tun hat.

Es war einmal ein britischer Arzt, Dr. Grantly Dick-Read, der beobachtete in den 1920er- und 1930er-Jahren, dass manche Frauen ihre Kinder ohne große Probleme natürlich und sicher zur Welt brachten, während andere unter äußerst schmerzhaften Geburten litten. Er stellte die These auf, dass Angst vor der Geburt Anspannung erzeugt und Anspannung hat eine verkrampfte Gebärmutter zur Folge, die ihrer natürlichen Funktion nicht nachkommen kann. Es entsteht eine Art Teufelskreis – den Dick-Read das Angst-Spannung-Schmerz-Syndrom nannte. Er ging davon aus, dass bei einer normalen Geburt nicht der Wehenschmerz den Gemütszustand der Frau beeinflusst, sondern der Gemütszustand erst den Schmerz auslöst. Heute gilt Dr. Grantly Dick-Read als Vater der natürlichen Geburt.

Die amerikanische Pädagogin Marie F. Mongan entwickelte Dick-Reads Gedanken weiter und erfand Ende der 1980er-Jahre HypnoBirthing,  ein Geburtsvorbereitungsprogramm, mit dessen Hilfe entspannte, stressfreie und weitgehend schmerzfreie Geburten erreicht werden sollen. In speziellen Kursen werden den werdenden Müttern Entspannungs-, Meditations- und Visualisierungstechniken an die Hand gegeben, die den Teufelskreis von Angst und Schmerz durchbrechen sollen. Sie lernen die Aufgaben des Körpers unter der Geburt kennen und sollen sich angstfrei und freudvoll auf ihre Geburt vorbereiten. Angeblich soll sich auch Herzogin Kate mit Hypnobirthing auf die Geburt ihrer Kinder vorbereitet haben.

Geburten müssen nicht schmerzhaft sein

Dass Schmerz ein unausweichlicher Teil der Geburt ist, sieht Marie F. Mongan als Mythos an. Sie ist der Meinung, dass künstliche Einleitungen und Wehentröpfe, also Interventionen von außen, Schmerzen in die Geburt hineinbringen. Mongan sagt, wenn sich die Mutter während des Geburtsverlauf in einem angenehmen Entspannungszustand befindet, arbeiten die Muskelgruppen der Gebärmutter harmonisch zusammen, die Geburt vollzieht sich sanft und leicht.  Nur wenn die Muskelgruppen gegeneinander arbeiten, entstehe erheblicher Schmerz.

Die Methode des Hypnobirthing lehrt, wie man emotionalen Stress vor und während des Geburtsverlaufs erkennt und wie man ihn löst. Mittel dazu ist die Selbsthypnose, die darauf abzielt, die Geburt erst gar nicht mit Schmerz zu verbinden oder den Schmerz zumindest nicht als negativ zu bewerten, sondern als Empfindung wahrzunehmen, die positiv beeinflusst werden kann. Eine Frau unter Hypnose befindet sich in einem Zustand der Tiefenentspannung, der irgendwo  zwischen Wach-Sein und Schlaf liegt.

In der Psychotherapie gilt Hypnose inzwischen als anerkanntes Verfahren und wird beispielsweise dazu genutzt, um Menschen mit Depressionen zu helfen. „Die Selbsthypnose kann eine wirkungsvolle Maßnahme sein, um Verspannungen und Angst während der Geburt zu reduzieren“, sagte Ulrich Freitag, Vorstandsmitglied beim Berufsverband der Frauenärzte, dem Spiegel. Entscheidend dafür sei eine sehr gute Anleitung vor der Geburt.

Eine eigene Sprache rund um die Geburt

Es geht darum zu lernen, sich selbst in einen Trance-Zustand zu versetzen und sich aktiv zu entspannen. Hypnobirthing ist wie ein Mentaltraining: Wenn man sich über Wochen und Monate hinweg immer wieder sagt, dass die Geburt schön wird, dann empfindet man sie möglicherweise auch nicht mehr als schmerzhaft. Zum Konzept des HypnoBirthing nach Marie F. Mongan gehört auch, dass man mit freundlichen und sanfteren Ersatzwörtern von der Geburt sprechen soll statt mit den medizinisch üblichen. Statt „Wehen“ ist von „Wellen“ die Rede, statt von „Schmerz“ wird von „Spannung“ gesprochen und „Komplikationen“ werden beispielsweise „spezielle Umstände“ genannt.

Es gibt in der Tat sehr beeindruckende Geburtsvideos von Hypnobirthing-Geburten, die völlig schmerzfrei scheinen. Allerdings halten es Hebammen wie beispielsweise Jana Friedrich vom Hebammenblog für unrealistisch, wenn in den Hypnobirthing-Kursen eine komplett schmerzfreie Geburt versprochen wird und haben in den Kliniken auch schon viele Frauen, die sich mit Hypnobirthing vorbereitet haben, scheitern sehen. Auch in einem Artikel im Magazin der Süddeutschen Zeitung äußert sich eine Klinikhebamme eher kritisch zu dem Konzept. Bei Hausgeburten oder in Geburtshäusern scheint Hypnobirthing besser zu funktionieren.

Problematisch ist vor allem, dass Marie F. Mongan eine schmerzfreie Geburt verspricht, sie verkauft die Geburt eher als Spaziergang, wenn die Frau nur genug übt, sich zu entspannen. Das erzeugt natürlich einen ziemlich hohen Druck und viele Frauen glauben, wenn sie Schmerzen haben, dann liege das allein an ihnen, weil sie versagt hätten, es nicht geschafft hätten, genug zu entspannen.

Studien weisen darauf hin, dass es funktionieren kann

Viele deutsche HypnoBirthing-Kursleiterinnen distanzieren sich mittlerweile davon und versprechen statt einer schmerzfreien eher eine angstfreie Geburt, was dann automatisch zu weniger Schmerzen und besseren Geburtsverläufen führt. In den USA jedenfalls gibt es Studien, die besagen, dass es durch Hpynobirthing seltener zu Kaiserschnitten und zu weniger Schmerzmittteleinsatz kommt.

Ich selbst habe vor der Geburt meines zweiten Kindes nur das Buch HypnoBirthing. Der natürliche Weg zu einer sicheren, sanften und leichten Geburt* von Marie F. Mongan gelesen und es hat mir zu einem anderen Verständnis von Geburt verholfen und die Überzeugung mit auf den Weg gegeben, dass Geburten nicht furchtbar schmerzhaft sein müssen, dass der weibliche Körper dazu gemacht ist zu gebären und dass es sicher hilfreich ist, mit positiven Gedanken der Geburt entgegen zu sehen. Und das ist ja schon mal viel Wert. Aber neben Selbsthypnose gibt es noch viele andere Arten, unter der Geburt möglichst entspannt und angstfrei zu bleiben.

Die eigentlichen HypnoBirthing-Entspannungstechniken lernt man allerdings in Kursen, die je nach Gruppengröße 300 bis 650 Euro kosten und nicht von den Krankenkassen bezahlt werden.  Die Kursdauer betragt in der Regel 12,5 Stunden an vier bzw. fünf Terminen. Es empfiehlt sich mit einem HypnoBirthing Kurs ab der 20. Schwangerschaftswoche anzufangen und den Kurs bis zur 37. Schwangerschaftswoche beendet zu haben. Die Kurse werden in kleinen Gruppen von zwei bis fünf Paaren angeboten, oder in Einzelvorbereitung. In Deutschland gibt es mittlerweile rund 140 nach der Mongan-Methode ausgebildete Hypno-Birthing-Kursleiterinnen. Aber auch rund 60 der bei der Deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnosetherapie (DGH) zertifizierten Hypnosetherapeuten bieten seit ein paar Jahren Geburtsvorbereitungskurse an, bei denen die Schwangeren lernen, sich selbst in einen tiefen Entspannungszustand zu versetzen. Dort heißt das Programm „HypnoMentale Geburtsvorbereitung“.

Informationen über Kurse in Eurer Nähe findet Ihr zum Beispiel unter hypnobirthing.de (Deutschland, Österreich, Schweiz), hypnobirthing-info.de (Norddeutschland) und unter hypnose-dgh.de gibt es Kontakt zu Ärzten und Psychologen mit Hypnoseausbildung. Auch das Konzept Sanfte Geburt aus der Schweiz geht in eine sehr ähnliche Richtung wie HypnoBirthing.

4 Kommentare

  1. Danke für deine Zusammenfassung zum Thema Hypnobirthing.

    Ich finde es super, wie du die Zusammenhänge hier erklärst. Das „Heilversprechen“ in Mongans Buch fand ich sehr schwierig zu ertragen. Ebenso, dass es eben keine Anleitung ist, die einen Kurs ersetzt, sondern eigentlich – so empfand ich es zur Zeit meiner Schwangerschaft – eher eine Werbebroschüre im Buchformat.

    Dennoch glaube ich, dass in Buch und Kursen wichtige Aspekte zur Geltung kommen, die in vielen Standard-Kursen nicht mehr so stark vertreten sind. Allerdings ist das natürlich sehr Kursleiter-abhängig… wie alles.

    Was ich als sehr wichtig empfand für meine eigene Geburt, war eine gewisse Misch-Kalkulation.
    – Vertrauen in die mir bekannten Geburtsbegleiter
    – Vertrauen in mich selbst und meine körperlichen Fähigkeiten
    – Vorab möglichst viele Varianten meiner bevorstehenden Geburt kennen, um eben nicht in „spezielle Umstände“ zu kommen, die vielleicht noch weit weg sind von einer echten Komplikation, aber durch die Angst schrittweise zu einer Komplikation führen können.

    War meine Geburt schmerzfrei? Nein 😀 … aber in dem Moment, wo ich mich habe fallenlassen können war sie deutlich weniger belastend als in der Phase, in der ich zum Beginn mit Ängsten und Unsicherheiten gekämpft habe. Ich konnte den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Ängsten und Schmerz am eigenen Leib erfahren.

    So … jetzt bin ich gehörig abgeschweift. Trotzdem lass ich es so stehen.

    Danke für deinen Artikel!

    Wirst du für eine weitere Schwangerschaft einen Kurs ins Auge fassen oder auf andere Methoden oder Mosaiksteinchen bauen? *neugierige Frage*

    ~Tabea

    • Liebe Tabea,

      ja, das mit der Werbebroschüre in Buchform für die Kurse empfand ich auch ein bisschen so. Aber mir hat das Buch einen ganz neuen Blick auf die Geburt eröffnet, nachdem ich beim ersten Kind eine Geburt mit vielen unnötigen Interventionen, die letztlich eine PDA notwendig machten, hatte. Die erste Geburt empfand ich damals zwar auch als positiv, aber nach der Lektüre von Mongans Buch sah ich das ein bisschen anders und hatte beim zweiten Kind dann eine Wassergeburt ohne Interventionen und Schmerzmittel, was ein ganz, ganz anderes Erlebnis war. Schmerzfrei war die Geburt nicht, aber der Schmerz war zu ertragen, weil ich keine Angst hatte und nicht davon überwältigt wurde. Insofern glaube ich auch, dass es wahnsinnig hilft, ohne Angst mit Vertrauen in den eigenen Körper in die Geburt zu gehen. Dann geht es auch ohne Selbsthypnose… Eine weitere Schwangerschaft wird es wohl nicht geben, aber ich glaube für mich wäre so ein Kurs nicht notwendig, mir hat die Lektüre des Buches schon geholfen sowie „Die selbstbestimmte Geburt“ von Ina May Gaskin. Liebe Grüße, Eva Dorothée

  2. absolut zu empfehlen und nicht nur das Buch und YouTube nehmen, das ist Käse. gerade für die Partner, die bei den Kursen und in die Geburt auch eingebunden werden, eine tolle Erfahrung

  3. Interessant und gut untergesucht – aber wahrscheinlich nicht für mich.

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