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Was ist eigentlich AP?

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Happy motherhoodWer in Elternforen im Internet unterwegs ist, stößt immer wieder auf den Begriff AP, der für Attachment Parenting steht. Aber was ist das eigentlich genau? Mamaclever erklärt das Erziehungskonzept, das sich wachsender Beliebtheit erfreut.


Attachment Parenting, kurz AP, steht für bindungsorientierte Erziehung. Das Erziehungskonzept, das einen „natürlichen“ Umgang mit Säuglingen befürwortet, stellt das Bedürfnis des Neugeborenen nach Nähe und Körperkontakt in den Mittelpunkt.

Entwickelt wurde Attachment Parenting von dem amerikanischen Kinderarzt William Sears. Der veröffentlichte 1993 das Buch „The Baby Book“. Der Mediziner und achtfache Vater beruft sich auf die Bindungstheorie, die der britische Kinderarzt und Psychoanalytiker John Bowlby in den 1950er-Jahren begründete. Sie besagt, dass jeder Mensch ein angeborenes Bedürfnis hat, enge Beziehungen zu seinen Mitmenschen aufzubauen. Ein Neugeborenes entwickelt eine spezielle Beziehung zu seinen Eltern oder anderen relevanten Bezugspersonen. Im Fall objektiv vorhandener oder subjektiv erlebter Gefahr veranlasst die Bindung das Kind, Schutz und Beruhigung bei seinen Bezugspersonen zu suchen. Die Bindungstheorie wurde dann von dem schottischen Psychoanalytiker James Robertson und der aus den USA stammenden Psychologin Mary Ainsworth weiterentwickelt und durch Experimente bestätigt.

In „The Baby Book“, das zum Bestseller wurde, vertritt Sears die Auffassung, dass die körperliche Bindung zwischen Eltern und Kindern so eng wie möglich sein soll, damit sie mehr emotionale Stabilität und Selbstsicherheit entwickeln und zu gefestigten Persönlichkeiten heranreifen.  Das wird erreicht, indem – so Sears-Theorie – Babys ständig nah am Körper herumgetragen werden, lange Zeit mit im elterlichen Bett schlafen und so lange gestillt werden, bis sich das Kind selbst entwöhnt.

Die acht Prinzipien des Attachment Parenting

Insgesamt umfasst das Erziehungskonzept von Williams Sears laut der Dachorganisation „Attachment Parenting International“ (API) acht Prinzipien:

1.  Verantwortungsvolle Elternschaft beginnt bereits während der Schwangerschaft. Die Eltern sollen sich gemeinsam auf den Nachwuchs einstimmen und bewusst informieren. Eine natürliche Geburt ohne äußere Eingriffe (z.B. Schmerzmittel, Kaiserschnitt) wird empfohlen, da sie für Mutter und Kind einen ersten wichtigen Bindungsaspekt darstellt.

2. Stillen ist ideal, um dem Kind eine sichere Bindung zu ermöglichen. Und zwar nach Bedarf, nicht nach Zeitplan und so lange, bis sich das Kind selbst entwöhnt.

3. Auf alle Anforderungen des Nachwuchses mit Feingefühl, Empathie und Offenheit einzugehen, gilt als Kernelement des Attachment Parenting. Eltern, die AP folgen, sehen alle kindlichen Äußerungen, Trotzanfälle eingeschlossen, als Versuch der Kommunikation und nehmen sie erst und reagieren verständnisvoll anstatt die Kinder zu bestrafen oder zurückzuweisen. Die Aufgabe der Eltern besteht darin, die kindlichen Zeichen rechtzeitig zu deuten und angemessen darauf zu reagieren.

4. So viel Körperkontakt wie möglich, sei es durch gemeinsames Baden oder durch das Tragen des Babys tagsüber in einem Tragetuch.

5. Co-Sleeping, das heißt, das Baby schläft in dem gleichen Raum wie die Eltern, so dass sie das Kind nachts einfach stillen und beruhigen können.

6.  Um die Bindung zum Nachwuchs zu stärken, sollte idealerweise ein Elternteil durchgehend anwesend, also für das Kind da, sein. Anhänger von AP sind dagegen, dass Kinder unter 30 Monaten länger als 20 Stunden die Woche fremdbetreut werden.

7. Positive Disziplinierung praktizieren. Eltern, die AP praktizieren, versuchen zu verstehen, warum ein Kind sich negativ verhält und was es damit kommunizieren möchte. Sie sollen zusammen mit dem Kind eine Lösung erarbeiten statt ihm einfach ihren Willen aufzudrücken. Klassische Bestrafungen werden abgelehnt.

8. Die emotionale Balance zwischen Elternschaft und eigenem Leben zu halten, ist insbesondere für engagierte Eltern essentiell. Eltern sollen sich ein Netzwerk schaffen, das sie unterstützt, gesund leben und so den Burn-Out als Eltern vermeiden.

Wer AP praktiziert, stillt sein Kind in der Regel länger als 6 Monate, er trägt es viel mit sich herum und lässt es bei sich im Zimmer schlafen. Schreien lassen oder Schlaftrainings à la „Jedes Kind kann schlafen lernen“ sind für AP-Eltern tabu, einige praktizieren auch Windelfrei (Zeichen des Kindes erkennen und darauf reagieren) und wer das Konzept ernst nimmt, lässt sein Kind frühestens mit zweieinhalb Jahren fremdbetreuen. Letztendlich geht es darum, dem Kind genau so viel Nähe und Zuwendung zu geben, wie es verlangt. Das geschieht vor allem dadurch, dass man auf jedes Signal des Säugling und Kleinkindes reagiert und Mutter und Baby sich ständig nahe sind.

In Deutschland erst seit kurzem verbreitet

Seit der Jahrtausendwende findet das Konzept auch in Deutschland, vor allem in den Großstädten und unter Akademikern, immer mehr Anhänger.  Seit 2007 verlegt der Tologo-Verlag vierteljährlich das Unerzogen Magazin, eine Elternzeitschrift, die AP-Themen regelmäßig ein Forum bietet. Und in Hamburg, dem wichtigsten Zentrum der Bewegung in Deutschland, wurde 2014 zum ersten Mal der Attachment Parenting Kongress veranstaltet, für den die Familienministerin die Schirmherrschaft übernommen hat.

Kritik an Attachment Parenting

Wie an allen Erziehungskonzepten gibt es auch an Attachment Parenting Kritik. Ein Vorwurf kommt aus der feministischen Ecke. Er besagt, dass AP die Mütter überfordert, weil sie nahezu ständig ihre volle Aufmerksamkeit dem Kind widmen müssen und sich regelrecht für den Nachwuchs aufopfern. AP zwinge die Mütter wieder zurück an Heim und Herd.  AP muss man sich auch leisten können – es ist sicher kein Wunder, dass die Anhänger von AP zum Großteil Akademiker sind. In Frankreich beispielsweise hat AP bisher kaum Anhänger gefunden – dort ist es üblich, dass Kinder sehr früh fremdbetreut werden.

Der Druck, der durch AP auf den Eltern lastet, ist sehr groß. Wenn sie Sears‘ Ratschlägen um der seelischen Gesundheit ihres Kindes willen gerne folgen wollen, aber nicht können, beispielsweise weil sie gezwungen sind, berufstätig zu sein, dann fühlen sie sich häufig als schlechte Eltern. Sears suggeriert den Eltern in seinen Büchern, dass die Bindung zwischen Mutter und Kind auch in durchschnittlichen Familien in reichen westlichen Ländern ernstlich gefährdet ist – diese Unterstellung wird weder von den Bindungstheoretikern noch von der Forschung gestützt.  Zu diesem Kritikpunkt gibt es übrigens einen sehr interessanten Beitrag im Windelfrei-Blog.

Der Psychologe Jerome Kagan gibt zu bedenken, dass die vererbten Charaktereigenschaften beim Attachment Parenting unberücksichtigt bleiben. Zudem sagt er, dass es keine wissenschaftlichen Belege dafür gebe, dass Attachment Parenting auf lange Sicht wirklich positiv wirke.

Außerdem gehen einige Erziehungsexperten davon aus, dass der überfürsorgliche Erziehungsstil des Attachment Parenting den gesunden, schrittweisen Abnabelungsprozess zwischen Eltern und Kindern behindert. Viele Autoren halten es vor allem für erzieherisch bedenklich, Kindern auch nach dem neunten Lebensmonat noch ständig am Körper der Mutter zu halten, weil dies mit den natürlichlichen Autonomiebestrebungen eines Kindes nicht zu vereinbaren sei.

Foto: Flickr/Wirawat Lian-udom unter CC-BY-NC-SA 2.0

2 Kommentare

  1. Ich habe vieles ähnlich gehandhabt, weil es sich für mich und mein Baby einfach richtig angefühlt hat. Von AP lese ich jetzt allerdings zum ersten mal.

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