Neuer Trend: Barfußschuhe für Kinder

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Barfußschuhe für Kinder sind der neueste Trend in den Kinderschuhgeschäften. Dabei handelt es sich um Schuhe  mit extrem flexibler und dünner Sohle, die das Gefühl beim Barfußlaufen imitieren sollen. Mamaclever hat recherchiert, ob solche Schuhe für Kinder wirklich Sinn machen.

Auf der letzten Babymesse Ende Februar in Hamburg bin ich am Stand eines Kinderschuhladens auf Barfußschuhe gestoßen. Einer größeren Öffentlichkeit ist diese Art von Schuhen für Kinder auch aus der Sendung „Höhle des Löwen“ bekannt, wo sich im Herbst 2016 die Firma Filii Barefoot vorstellte. Die Inhaberin des Schuhgeschäftes sagte mir, dass solche Barfußschuhe, auch Minimalschuhe genannt, seit etwa einem Jahr boomen.

99 Prozent der Kinder kommen laut Bundesverband für Orthopädie und Unfallchirurgie mit gesunden Füßen zur Welt – im Erwachsenenalter haben nur noch ein Drittel gesunde Füße – und daran ist häufig falsches Schuhwerk schuld.

Dass die ersten Schuhe fest und stützend sein müssen und ein gutes Fußbett benötigen, ist ein schon länger widerlegter Irrtum. Experten raten dazu, erst dann Schuhe anzuschaffen, wenn die Kleinen selbstständig gehen können und ihre Füßchen vor Verletzungen und Kälte geschützt werden müssen. „Kinder lernen auch ohne Schuhe laufen“, sagt Wieland Kinz, Sportwissenschaftler und Teammitglied des Forschungsprojektes „Kinderfüße-Kinderschuhe“. Die Knochen sind noch weich, wenn Kinder zu früh Schuhe tragen müssen, können die Füße Schaden nehmen und sich möglicherweise verformen.




Da sich Kinderfüße für eine gesunde Entwicklung frei und ungestützt bewegen können müssen, sollten Kinder zu Hause am besten barfuß oder in Socken herumlaufen, denn dabei können sie den Boden unter den Füßen spüren und die richtige Balance und Koordination lernen. Barfußlaufen stärkt die Fußmuskulatur und die Sehnen, es verbessert die Körperhaltung und reduziert die Gefahr, an Senk-, Knick-, Spreiz- oder Plattfüßen zu erkranken.

Thomas Pauly, Vorstand des Deutschen Orthopäden-Verbandes mahnt allerdings auch zur Vorsicht: „Barfußlaufen stärkt zwar die Muskeln, aber bei Kindern ist die Haut noch nicht so gut gegen Verletzungen geschützt.“ Deshalb sind Barfußschuhe draußen eine gute Alternative zum Barfußlaufen.

Schuhe für Laufanfänger und kleine Kinder müssen generell unbedingt weich, leicht und flexibel sein. Je härter Schuhe sind, desto mehr werden die Füße in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt“, so Kinz. Ob die Schuhe flexibel genug sind, kann man gut überprüfen. Man sollte mehrere Modelle mit einer Hand biegen. Je weicher und flexibler der Schuh, desto besser für die Kinderfüße. Außerdem sollten Kinderschuhe über genügend Zehenfreiheit verfügen und keine Absätze haben.

Was sind Barfußschuhe?

Barfußschuhe erfüllen all diese Anforderungen. Der Begriff hört sich zunächst widersprüchlich an. Mit Barfußschuhen werden Schuhe bezeichnet, die das Barfußgehen nachempfinden und nicht welche, die man barfuß anzieht.




Wenn von Barfußschuhen die Rede ist, dann geht es um Schuhe, die die folgenden Kriterien erfüllen:

  • sie haben eine dünne und vor allem flexible Sohle, so dass der Fuß den Untergrund spürt und sich entsprechend anpassen kann.
  • es gibt keine Sprengung. Als Sprengung bezeichnet man den Höhenunterschied zwischen Fußballen und Ferse. Wenn man barfuß läuft, dann befindet sich der ganze Fuß auf einer Höhe, bei Absätzen ist die Ferse teilweise stark erhöht, was (negative) Auswirkungen auf den gesamten Körper hat
  • die Schuhe bieten den Zehen viel Platz und sind aus einem flexiblen Obermaterial gefertigt. Um Stöße abzufedern und damit man stabil auftreten kann, müssen sich die Zehen, insbesondere der große Zeh, in seitlicher Richtung bewegen können. Deshalb erkennt man viele Barfußschuhe am ziemlich breiten und runden Vorderfußbereich. Alternativ werden dehnbare Materialen eingesetzt, die die Zehen möglichst wenig einschränken.
  • sie wiegen wenig

Hersteller von Kinder-Barfußschuhen

Die Zahl der Hersteller im Kinderschuhsegment ist bisher noch überschaubar.

Die deutsche Firma Leguano bietet mit dem Modell Leguanito* einen extremen Barfußschuh für Kinder an, der eher wie eine Socke daherkommt (siehe Foto oben und rechts), dafür mit 49 bis 69 Euro aber ziemlich teuer ist. Er bietet auch nur einen minimalen Schutz gegen Kälte, aber Fans von Barfußschuhen sagen, dass die Füße nicht so leicht frieren, wenn sie ständig in Bewegung sind. Dafür ist er problemlos waschbar. Erhältlich ist er in pink, dunkelblau und Türkis. Also eine Alternative zu Lederpuschen ist dieses Modell sicher.

Dann gibt es Filii Barefoot*, ebenfalls ein Hersteller aus Deutschland, die sich rühmen, 2015 den weltweit ersten Outdorr-Kinder-Barfußschuh auf den Markt gebracht zu haben. Deren Modelle aus Leder (wahlweise pflanzlich gegerbt) unterscheiden sich optisch kaum von herkömmlichen Kinderschuhen. Es gibt sie mit Schnürung oder mit Klett und auch als Ballerina. Auch wasserdichte Modelle mit eingearbeiteter Membran sind erhältlich. Die Sohle ist allerdings nur 3,5 Millimeter dick und der Schuh wiegt (bei Größe 20) lediglich 95 Gramm. Die Modelle von Filii kosten zwischen 60 und 85 Euro – das ist nicht mehr als andere gute Kinderschuhe beispielsweise von Ricosta oder Richter.

Outdoortaugliche Modelle gibt es auch von Vivobarefoot*, die preislich etwa im gleichen Bereich wie die von Filii liegen. Die Firma kommt aus London, gefertigt werden die Schuhe in China. Für die Herstellung der Schuhe kommen fast ausschließlich recycelte Materialien, wie zum Beispiel PET-Flaschen, zum Einsatz. Das verwendete Leder ist pflanzlich gegerbt. Die Schuhe sind erhältlich ab Größe 20.

Die bayerische Firma Sole Runner hat derzeit drei Modelle für Kinder * im Angebot, zwei Sneaker in blau oder rot sowie einen Stiefel ab Größe 26. Die Sohle ist bei den Klett-Sneakern nur 2,5 Millimeter dünn, der Winterstiefel hat eine 6 Millimeter dicke Sohle und soll die Kinderfüße so besser warm halten. Die Modelle sind vegan und kosten ab 70 Euro. Produziert werden sie in Slowenien.

Die Firma Wildling kommt ebenfalls aus Deutschland ist besteht erst seit einem guten Jahr. Wildling-Schnürschuhe sind ausschließlich aus Naturmaterialien in Portugal hergestellt, meist vegan (Leder wird nicht verwendet), nicht wasserdicht und kosten ab 79 Euro. Erhältlich sind sie allerdings erst ab Größe 23.

Und dann gibt es noch die neuseeländische Firma Bobux*, die outdoortaugliche Barfußschuhe schon ab Größe 18 anbietet. Zu nennen ist hier vor allem das Modell Xplorer (Foto) und die Step up-Kollektion. Die Schuhe kosten ab 38 Euro und sind teilweise aus Leder hergestellt.

Sinnvoll oder nicht – was Experten sagen

Bisher gibt es vor allem zum Thema Joggen und Barfußschuhe Studien. Was Kinder und Barfußschuhe betrifft, gibt es bisher noch kaum wissenschaftliche Untersuchungen. Wissenschaftler haben 2014 in einer Studie mit 25 Kindern im Alter zwischen 9 und 24 Monaten allerdings untersucht, ob sich Barfußschuhe tatsächlich auf das Gangbild von Kleinkindern auswirken. Die Wissenschaftler um Melanie Buckland stellten dabei fest, dass Kleinkinder mit Barfußschuhen beim Gehen eine signifikant kürzere Standphase haben als die Kinder, die mit Schuhen mit stabilen Sohlen unterwegs sind. Das heißt: Kleinkinder, die Barfußschuhe tragen, können den Untergrund schneller wahrnehmen und dadurch schneller den nächsten Schritt machen. Auf die Schrittlänge und die Gehgeschwindigkeit insgesamt hatte die Flexibilität der Sohle aber keinen Einfluss.




In einem Hindernisparcours zeigte sich, dass Kinder mit festem Schuhwerk genauso oft hinfielen wie solche in flexiblen Barfußschuhen. Dass Kinder mit Barfußschuhen besser laufen können, konnte also nicht belegt werden. Aber vielleicht tragen die Schuhe dazu bei, dass die Füße auf Dauer gesünder sind.

Kay Niemier arbeitet im Hamburger Rückenzentrum am Michel und sagt: „Unsere Füße haben Gewölbe, die von Muskeln gehalten werden und unsere Last effektiv abfedern.“ Unpassendes Schuhwerk und Einlagen würden jedoch zu einer Schwächung dieser Muskulatur führen – was langfristig Folgen haben kann: Senk-, Spreiz- und Plattfüße oder sogar Ballenzehen. Barfußschuhe könnten diesen Problemen vorbeugen, da sie die Muskulatur trainieren. Der Experte betont jedoch, dass Barfußlaufen grundsätzlich die gesündeste Art des Laufens sei. Er rät Eltern deshalb, ihre Kinder so oft wie möglich Barfußlaufen zu lassen. Als Alternative hält er Barfußschuhe für sinnvoll.

Professor Rüdiger Reer ist stellvertretender Leiter der Abteilung Sport- und Bewegungsmedizin der Universität Hamburg und Generalsekretär des Deutschen Sportärztebundes und er empfiehlt Barfußschuhe vor allem Kindern und Jugendlichen. Er sagt: „Bei Kindern hat man noch ein großes Formungspotenzial, was den Fuß angeht. Das Längs- und Quergewölbe des Fußes wird aufgespannt und durch die Muskulatur stabilisiert.“

Wenn die Füße viel Bewegungsfreiheit haben, dann werden bei jedem Schritt viele kleine Fußmuskeln aktiviert. Deshalb sollte man bei Kinderschuhen generell Modelle mit flexiblen Sohlen bevorzugen. Ob ein spezieller Barfußschuh nun allerdings besser geeignet ist als ein normaler Kinderschuh mit flexibler Sohle, ist wissenschaftlich noch nicht belegt.

Fotos: Mamaclever, Amazon

 

 

6 Kommentare

  1. Mein Großer (4 Jahre) läuft supergern mit den Wildlingen (Modell Isegrim aus Jahr 2016). Sie sehen auch nach einem Jahr tragen noch toll aus. Nun bekommt er das Folgemodeli mit Membran. Also ich finde die Sohle super, ist total flexibel. Die Kleine (1 Jahr) lief die ganze Zeit mit den Pepinos. Die haben eine schoene weiche Sohle, die Einlage mit Sprengung kann man heraus nehmen. Nun hat sie neue (ähnlich Pepinos), die mag sie nicht.

  2. Filii Schuhe sind nicht weich? Ich kann unsere ganz durchbiegen. Die Ricosta waren zwar bei den kleinen Größen schön weich aber sie haben den Fersensprung.

  3. Ein toller Artikel und – wie immer – sehr gut recherchiert.

    Interessant ist bei Kinder-Barfußschuhen, daß die Dicke der Sohle keine Aussagekraft über deren Weichheit / Flexibilität hat. Darüber hinaus gibt es bei einigen der aufgelisteten Schuhen ein paar wissenswerte Dinge, die viele Eltern im Nachhinein gern vorher gewußt hätten.

    – Leguanitos: von allen aufgelisteten Schuhen hat dieser die weichste und beweglichste Sohle, da die Sohle kein flaches Profil hat, sondern halbkugelförmige Noppen. Das macht ihn in jede Richtung gleichermaßen flexibel. Obwohl sie wie Sockenschuhe wirken, sitzen sie fest, auch am schmalen Kinderfuß. Außer den aufgelisteten Farben ist er in vielen Stores auch in orange und schwarz erhältlich. Ein Pluspunkt ist, daß Kinder den Schuh sehr früh selber anziehen können. Das schnelle Aus- und Anziehen macht es auch für Eltern sehr leicht und flexibel, zwischen Schuh und Barfußlaufen zu wechseln. Leider schwitzen Kinderfüße im Sommer sehr schnell darin, und der Schuh nimmt einen unangenehmen Geruch an. Dieser geht beim Waschen gut raus. Allerdings muß man die Schuhe dann im Sommer entsprechend häufig waschen. Die Schuhe eignen sich auch als Badeschuhe im See.
    – Filii Barefoot: dieser Schuh hat auch ein leicht genopptes Profil, hat aber bereits eine deutlich härtere Sohle im Vergleich zu Leguanitos oder Ricosta Pepinos, die häufig als Lauflernschuhe bis Gr. 26 genutzt werden. Eine seitliche Flexibilität ist durch die Härte kaum gegeben. Leider werden sie auch nicht mit der Zeit weicher. Sie sind gut verarbeitet und sehen schick und unauffällig aus.
    – Vivobarefoot: diese Schuhe haben von allen aufgelisteten Modellen die härtesten und unflexibelsten Sohlen. Sie sind sind bei den kleinsten Größen sogar härter als die Herrenmodelle des Herstellers. Mit dem geringen Gewicht eines Kindes biegt sich die Sohle also kaum. Auch das Obermaterial ist sehr fest.
    – Wildlinge: dieser Schuh hat eine gerillte Sohle, die nicht durchgängig ist (sie hat eine diagonale Unterbrechung am Vorderfuß und eine Aussparung am Fußgewölbe). Das macht den Schuh quer- und diagonalflexibel, trotzdem ist die Sohle deutlich härter als Leguanitos, doch immer noch deutlich weicher als Filii oder Vivobarefoot. Der Wildlingschuh ist am japanischen Tabi orienitiert, die Sohle ist an besonders benspruchten Stellen seitlich hochgezogen. Wildlinge haben sowohl eine Schnürung als auch einen Reißverschluß und kann also ganz nach kindlicher Vorliebe / Entwicklungsstand auf die eine oder andere Art selbst angezogen werden. Die Schuhe verfügen über auffalend viel Platz für die Zehenspreizung. Der online-Kauf wird sehr vereinfacht über Größenschablonen zum Ausdrucken und Testen am Kinderfuß. Die mangelnde Wasserfestigkeit kann mit einem Imprägnierspray verbessert werden.
    – Sole Runner, Bobux: hier liegen mir keine ausreichenden Informationen vor, um eine sachliche Aussage machen zu können.

    Kinder entwickeln weltweit und kulturübergreifend zunächst die gleiche Gangart. Sie kommen mit dem ganzen Fuß auf. Der Fersengang (wie in unserer Kultur üblich) entwickelt sich erst später durch entsprechende Schuhe und Imitation. In Leguanitos, teilweise in Pepinos von Ricosta (auch wenn diese keine Barfußschuhe sind) und teils auch in Wildlingen ist ein gehen auf dem ganzen Fuß noch möglich. Bei Filii und Vivobarefoot ist das wegen der Härte der Sohle und des Obermaterials ausgeschlossen.

    Es lohnt sich auf jeden Fall, verschiedene Schuhe zu testen und sich genauer in das Barfußlaufen und Laufen mit Barfußschuhen einzuarbeiten. Es gibt auch gute Erfahrungsberichte im Internet, denn: Barfußschuh ist nicht gleich Barfußschuh. Je nach Jahreszeit, Verwendungszweck und Vorliebe von Kind und Eltern in der Handhabung gibt es massive Unterschiede.

    Zum Abschluß: ich bin Mutter einer Tochter, wir laufen seit Jahren barfuß und testen verschiedene Barfußschuhmodelle. Ich arbeite für keinen der Hersteller und mache auch keine Werbung.

    • Liebe Kristina,

      ganz herzlichen Dank für diesen ausführlichen, sehr sachkundigen und überaus nützlichen Kommentar! Besonders interessant fand ich, dass Du die Ricosta Pepinos besser findest als die Filii und die Vivobarefoot. Die hatten wir bisher bei meinem Sohn. Für meine Tochter wollte ich jetzt nach Barfußschuhen schauen, aber wenn die nicht weicher als die Pepinos sind, dann kann ich vielleicht auch bei denen von Ricosta bleiben.
      Herzliche Grüße,
      Eva Dorothée

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