Das Kevinometer bewahrt Eltern vor schlimmen Namen

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Das Kind soll einen außergewöhnlichen Vornamen bekommen? Der Vornamensforscher Knud Bielefeld hat eine App veröffentlicht, mit deren Hilfe Eltern abschätzen können, ob ein Name mit Vorurteilen behaftet ist. Denn unter Namen wie Kevin oder Chantal könnten Kinder ihr Leben lang leiden – „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“, fand eine 2009 veröffentlichte Studie der Universität Oldenburg heraus. Kinder mit bestimmten Vornamen werden nämlich schnell in Schubladen gesteckt und haben dadurch Nachteile im Leben.

Der Hobby-Namensforscher Knud Bielefeld betreibt seit 2003 die Internetseite beliebte-vornamen.de und gibt jedes Jahr eine Liste der in Deutschland beliebtesten Vornamen für Mädchen und Jungen heraus, die aussagekräftiger ist als jene der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS). In die Statistik der GfdS fließen bei Kindern mit mehreren Vornamen nämlich alle Namen gleichwertig mit ein, was dazu führt, dass häufige Zweitnamen wie Sophie oder Marie die Top 10 verzerren, indem sie dauerhaft auf den ersten Rängen landen.



Mit der App Kevinometer reagierte Bielefeld nun auf die Anfragen werdender Eltern, die sich Sorgen machen, dass der Name ihrer Wahl mit Vorurteilen behaftet sein könnte. „Der Name des Kindes soll gut klingen, das ist das wichtigste Kriterium der Eltern bei der Namensfindung. Der Name soll auf keinen Fall kevinistisch sein, das ist das zweitwichtigste Kriterium. Das ist jedenfalls mein Eindruck angesichts der E-Mails, die ich von ratsuchenden Eltern bekomme“, sagt Knud Bielefeld. „Kevinistisch“ sind Namen, die mit Vorurteilen behaftet sind. Ihren Trägern wird nachgesagt, ungebildet und verhaltensauffällig zu sein und der Unterschicht anzugehören. Kevin ist natürlich so ein Name, in den 1990er-Jahren war er in vielen Bundesländern in der Top 10 der beliebtesten Vornamen. Eltern damals hätten nicht im Traum daran gedacht, dass der Name derart in Verruf geraten könnte. Weil auch der Name Chantal einen schlechten Ruf hat, spricht man nicht nur von Kevinismus, sondern auch von Chantalismus, wenn es darum geht, dass bestimmte Namen den Kindern Nachteile einbringen, weil sie mit Klischees behaftet sind.

Lehrer schließen vom Namen auf die Leistungsfähigkeit

Schuld an dem schlechten Ruf vieler Namen ist eine Schulstudie aus dem Jahr 2009. Damals wurden Lehrer befragt, inwieweit die Vornamen der Schüler etwas über ihre Leistungsfähigkeit aussagen. Die Studie zeigte, dass Lehrer Namen wie Chantal, Mandy, Justin, Maurice oder Kevin eher mit Leistungsschwäche und Verhaltensauffälligkeit assoziierten. Alexander, Maximilian, Lukas oder Sophie dagegen seien freundlich und erfolgreich in der Schule, so das Vorurteil der Lehrer. Als Folge dieser Befragung wurden die Vornamen, die größtenteils aus dem englischsprachigen Raum kommen, in den Medien und in bildungsnahen Kreisen fortan als Unterschichten-Namen abgestempelt. In der Tat orientieren sich bildungsfernere Schichten nicht mehr so stark wie früher an den oberen Schichten, sondern eher an Film, Fernsehen und Musik, sagt Gabriele Rodríguez von der Vornamenberatungsstelle der Universität Leipzig. „Daher kommt auch die Dominanz des Englisch-Amerikanischen in den bildungsferneren Schichten.“ Es ist also wirklich so, dass viele der in Verruf geratenen Namen eher von Kindern bildungsfernerer Schichten getragen werden, wenngleich das natürlich nicht in jedem Fall so ist.

Eine Studie von Psychologen der Humboldt-Universität in Berlin will herausgefunden haben, dass Leute mit Namen wie Kevin oder Chantal auf Partnerbörsen im Internet weniger Chancen haben als solche mit anderen Namen. Und dass Vornamen für die Karriere relevant sind, stellten Psychologen der TU Chemnitz fest. Je moderner Menschen den Vornamen einer Person empfinden, desto jünger schätzen sie diese ein. Und daraus folgerten die Testpersonen auch unbewusst, je jünger, desto attraktiver und intelligenter.

Namensmoden sind allerdings einem stetigen Wandel unterworfen und aktuell sind wieder viele alte Namen (Emma, Frida, Ida, Fritz, Otto, Anton, Emil, Oskar…) beliebt. Wenn die heute so heißenden Kinder erwachsen sind, dann könnte es sein, dass diese Namen mit jungen Personen assoziiert werden, während man heute bei einem Otto oder Fritz eher an einen Mann im Seniorenalter denkt.



Welche Namen von vielen Menschen in die Schublade Kevinismus/Chantalismus fallen, darüber kann man sich auf der Chantalismus-Website informieren – und köstlich amüsieren. Dort sind Fotos von Geburtsanzeigen oder Autoaufklebern versammelt und daraus ist sogar ein Buch mit dem Titel „Achtung, Kinder mit schlimmen Namen an Bord“* entstanden. Oder man prüft den Namen, den das noch ungeborene Kind bekommen soll, im Kevinometer von Knud Bielefeld. Die App ist erhältlich für Apple und Android, sie kostet 99 Cent. Mit dem Kevinometer sollen Eltern auf einen Blick erkennen können, wie wahrscheinlich es  ist, dass ein Name Vorurteile auf sich zieht.

Kevinwahrscheinlichkeit für 60.000 Namen

Die „Kevinwahrscheinlichkeit“ für den Namen Justin.

In der aktuellen Version sind über 60.000 Namen enthalten, davon haben 91 Vornamen eine „Kevinwahrscheinlichkeit“ von 100 Prozent. Mehr als 8.000 Namen liegen im roten Bereich. Zu bedienen ist die App sehr einfach: Man gibt einfach einen Namen ein, klickt auf Junge oder Mädchen und auf „abfragen“ und dann liefert die App eine „Kevinwahrscheinlichkeit“. Bei den beliebtesten Namen 2016 liegt diese für Mia bei 24 Prozent, für Emma bei 3 Prozent und für Sofia bei 21 Prozent. Ben kommt auf 25 Prozent, Paul auf 2 Prozent und Jonas auf 9 Prozent. Bei dem Namen Luca für einen Jungen liegt die „Kevinwahrscheinlichkeit“ schon bei 83 Prozent, bei Mario bei 71 Prozent und Donald hat eine Kevinwahrscheinlichkeit von 59 Prozent. Chantal bringt es erstaunlicherweise auf nur 46 Prozent.

Die „Kevinwahrscheinlichkeit“ für den Namen Emma.

Wie genau die „Kevinwahrscheinlichkeit“ von seinem Algorithmus berechnet wird, das will Knud Bielefeld nicht verraten. Das sei erstens sehr umfangreich und solle zweitens vertraulich bleiben, sagt er. Auf seiner Seite heißt es, es flößen sowohl sprachwissenschaftliche Analysen als auch soziologische Faktoren und historische Erhebungen und Ranglisten ein. Auf Nachfrage verrät er dann doch noch ein paar Beispiele für Einflussfaktoren: So spielt es eine Rolle, ob ein Name schon vor hundert Jahren in Deutschland populär war oder ob (und wann) ein Name in bestimmten Ländern häufig vorkam. Außerdem wird bewertet, wie das Verhältnis von Vokalen und Konsonanten ist und welche Buchstaben in welcher Konstellation vorkommen. Die amerikanische Herkunft eines Namens wirke sich negativ auf das Gesamtergebnis aus. Ebenso wie Namen von Popstars oder Filmschauspielern.

Bielefeld hat übrigens die Erfahrung gemacht, dass junge Eltern eher dazu neigen, heikle Namen für ihr Kind auszuwählen. „In jungen Jahren spielen Idole wie Popstars eine viel größere Rolle. Und ein Hochschulstudium kommt altersbedingt eben auch erst später dazu,“ so seine Erklärung. Dementsprechend unterschiedlich sind die Reaktionen auf die App. Während manche Eltern dankbar und froh seien, beschweren sich andere, deren Lieblingsname im roten Bereich ist und die das nicht wahrhaben wollen.



Auf jeden Fall kann es nicht schaden, den Wunschnamen mal zu testen. Unterhaltsam ist es in jedem Fall. Und vielleicht hilft die App ja auch, den Partner von einem Namen, den man selbst unmöglich findet, abzubringen.

Fotos: Mamaclever

 

2 Kommentare

  1. Hallo,

    ich finde dieses ganze Thema der belasteten Vornamen langsam etwas überholt. Hätte es eine solche Studie nie gegeben, wären Namen wie Kevin überhaupt nicht belastet. Und das immer wieder darüber geredet wird, trägt auch nur dazu bei, Namen und zugehörige Personen schon von vornherein zu bewerten.

    Liebe Grüße,
    Monika

    • Es ist nun mal Fakt, dass gewisse Vornamen einen gewissen Ruf haben. Das ist auch nicht erst seit der Studie so. Mir tut das bei den älteren Fällen einfach leid, da die Eltern keine Kristallkugeln hatten. Meine Cousins (Jahrgang 1986 und 1988) heißen Kevin und Marvin, mein Bruder Dennis. Damals ganz normale Namen und heute leider so negativ konnotiert. Ich schaue mir die Eltern immer ganz genau an, die Schastin Schärom, Dscheidn, Tschäißen, Zeliena Samma, Melledi Soi, Fibi Schajenn, Äimi Luna, Tschelßi & Co. im Supermarkt ermahnen, dem Bruder nicht mehr „middem Kräuterbaguette aufn Kopp zu kloppen“. Sie können die englischen Namen aus irgendwelchen Lieblingsbüchern und -serien nicht mal aussprechen, geschweige denn schreiben (ich arbeite in einer Bank und eröffne Sparbücher für Neugeborene – ich bin des Öfteren schockiert). Und so leid es mir auch tut: Diese Eltern kommen meist aus bildungsfernen Schichten oder sind gerade im VampireDiaries- oder Twilight-Alter.
      Genau andersherum ist es aber doch auch nicht besser: Wenn Etepetete-Eltern (er meist Arzt oder Ingenieur, sie immer Hausfrau) oder die, die so tun ihre Leanders, Elisabeths, Aarons, Pauls, Bernadettas, Ignatius und Sörens zum Klavierunterricht anmelden… Diese Kinder tun mir genauso leid. Entweder ignorieren die Eltern die Probleme, die ihre Kinder später haben werden absichtlich oder sie haben die letzten 10 Jahre verschlafen. Beides ist einfach nur dumm.
      Ich finde das Ganze auch unfair, aber es ist halt so.
      Ich würde mich freuen wenn jemand etwas dagegen tun würde und bin sonst immer anti-System, aber nicht auf dem Rücken der Kinder.
      Nebenbei: In 15 Jahren sind bestimmt alle Sophies, Emmas, Mias, Noahs und Lucas die Doofen und Kevin und Chantal sind die Normalos. 😉

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