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Sinnvoll oder Geldmacherei? Nabelschnurblut einlagern oder spenden

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1119445345_df0a87e29ePrivate Firmen wecken große Hoffnungen: Mit eingefrorenem Nabelschnurblut sollen in Zukunft viele Krankheiten geheilt werden können. Eltern geben deshalb viel Geld für die Einlagerung von Nabelschnurblut aus. Ärzte raten allerdings davon ab, weil es bisher noch keine einzige Therapie mit eigenem Nabelschnurblut gibt. Das Nabelschnurblut zu spenden, ist allerdings eine gute Idee. Leider ist dies nur in ausgewählten Kliniken möglich. Mit der Geburt des Babys hat die Nabelschnur ihre eigentliche Aufgabe erfüllt. Aus diesem Grund wird sie zusammen mit der Plazenta in 97 Prozent der Fälle einfach weggeworfen. Das ist sehr schade, denn die im Nabelschnurblut enthaltenen Stammzellen sind noch jung und können sich zu verschiedenen Zelltypen im Körper weiterentwickeln. Das wiederum birgt die Möglichkeit, mit ihrer Hilfe verschiedene Krankheiten zu heilen. Sie eignen sich sehr gut als Spende, denn sie sind noch sehr unreif und verhindern die sonst häufig auftretenden Abstoßungsreaktionen. Ein weiterer Vorteil ist die Möglichkeit der Transplantation auch bei nicht vollständiger Übereinstimmung der Gewebemerkmale. Solche Stammzellen  können Leukämie-Patienten und anderen Erkrankten helfen, ein eigenes, widerstandfähiges Immunsystem zu entwickeln.

Klar, Eltern wollen das beste für ihr Kind und es möglichst vor Krankheiten schützen. Das ist ihnen auch finanziell einiges wert. Weltweit haben deshalb bereits 2,5 Millionen Eltern das Nabelschnurblut ihrer Kinder bei privaten Firmen eingelagert. Sie hoffen, ihr Kind so vor Krankheiten zu schützen. Dafür zahlen sie je nach Anbieter und je nachdem, wie lange das Nabelschnurblut aufbewahrt werden soll, zwischen 1500 und 3500 Euro.

In Deutschland gibt es etwa ein halbes Dutzend Nabel­schnur­banken, die für die private Einlagerung von Nabel­schnurblut werben, darunter beispielsweise Seracell, die eticur GmbH oder die Vita34 AG . Meist steht das Nabelschnurblut ausschließlich dem Spenderkind zur Verfügung. Manche Firmen verfolgen allerdings ein gemischtes Konzept: Das Blut bleibt Eigentum der Spender, die wichtigsten Eigenschaften werden aber in einer öffent­lichen Datenbank hinterlegt. Meldet sich eine Klinik mit einem bedürftigen Patienten, können die Eltern ent­scheiden, ob sie das Blut für das eigene Kind behalten oder es dem Patienten spenden und dann ihre Gebühren zurückerhalten.

Vor 25 Jahren kam Nabel­schnurblut erstmals bei einer Therapie zum Einsatz: Ein Junge mit der schweren Erbkrankheit Fanconi-Anämie erhielt die Nabelschnur-Stammzellen seiner unbelasteten Schwester. Kurz darauf war er vollständig geheilt. Seitdem konnten Ärzte viele weitere Erbkrankheiten mit fremdem Nabel­schnur­blut behandeln, darunter Stoffwechselstörungen und Immunschwächen. Doch der eigentliche Durchbruch kam mit der Behandlung von Blutkrebs: Bei Leukämie im Kindesalter ist Nabel­schnur­blut heute die wichtigste Quelle von Stammzellen, und auch bei Erwachsenen findet es immer häufiger Anwendung. Deshalb ist es sehr sinnvoll, das Nabelschnurblut seines Kindes zu spenden.

Mit eigenen Stammzellen geheilt zu werden, ist extrem unwahrscheinlich

Die meisten Ärzte raten allerdings von der Einlagerung bei privaten Nabelschnurbanken ab. Bisher konnte nämlich keine einzige medizinische Indikation für die Anwendung eigener Stammzellen entwickelt werden. Es laufen lediglich einige Tests und Studien aber bis zu einer Therapie ist es noch ein sehr weiter Weg. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem Kind oder später beim Erwachsenen eigene Nabelschnurstammzellen zur Behandlung von Tumor- oder sonstigen Erkrankungen sinnvoll angewandt werden können, ist extrem gering.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch im Laufe seines Lebens überhaupt eine Stammzelltransplantation (egal ob aus Nabelschnurblut oder Knochenmark) braucht, schätzt die Uniklinik in Heidelberg auf 0,06% bis 0,46% abhängig vom Lebensalter, das erreicht wird. Und sowieso wurden Stammzellen aus Nabelschnurblut bisher nur sehr selten transplantiert: Bis 2012 weltweit circa 25000 mal, dagegen stehen 100 bis 300 Eigenverwendungen – und das, obwohl weit mehr Nabelschnurblut privat eingelagert als gespendet wurde.

Zudem ist es überhaupt nicht erwiesen, ob die Nabelschnurstammzellen sicher und stabil mehr als 15 Jahre lang aufbewahrt werden können. Die Anbieter bieten aber eine Aufbewahrung von bis zu 50 Jahren an. Öffentliche Nabelschnurblutbanken verwenden in der Regel nur Präparate, die nicht älter als fünf Jahre sind.

Für die Therapie von Blutkrebs und Erbkrankheiten – das sind die wichtigsten Anwendungsgebiete für die aus dem Nabelschnurblut gewonnenen Stammzellen – sind körpereigene Zellen außerdem ungeeignet. Bei Blutkrebs bilden sich manche Krebs­zellen bereits vor der Geburt und sie wandern auch in die Nabelschnur. Die Trans­plantation von eigenem Blut würde hier die Gefahr erhöhen, dass der Krebs erneut ausbricht. Auch Erbkrankheiten lassen sich nicht durch eigene Zellen heilen, da diese den gleichen Gendefekt tragen. In beiden Fällen sind Stammzellen eines fremden Spenders die eindeutig bessere Lösung. Eigenes Nabelschnurblut wird deshalb nur in Ausnahmefällen eingesetzt.

Die Nabelschnurspende ist kostenlos und unkompliziert

Die Nabelschnurblutspende ist eigentlich total unkompliziert und für alle Beteiligten völlig ungefährlich und schmerzlos. Das Nabelschnurblut wird erst nach der Entbindung und Abnabelung gewonnen, wenn die Mutter ihr Baby bereits in ihren Armen hält. Nach der Abnabelung des Babys wird zunächst die Nabelschnur abgeklemmt. Dann wird die Nabelschnurvene punktiert, das Blut in einem speziellen Beutel gesammelt und sofort an die Nabelschnurblutbank geschickt.

In Deutschland gibt es aktuell sieben Einrichtungen, die Nabelschnurblut-Spenden entgegennehmen, sechs davon leiten die Daten an das Zentrale Knochenmarkspenderregister Deutschland (ZKRD) weiter.  Dort ist die Einlagerung kostenlos, finanziert werden sie durch Spenden und, falls eine Probe zur Transplantation bereit gestellt wurde, durch Gelder aus den Krankenkassen.

In der Nabelschnurblutbank werden die Stammzellen aus dem Nabelschnurblut im Labor gewonnen und unterhalb von -180°C eingefroren. Nach Durchführung einer Reihe von Qualitätskontrollen werden die Daten der Stammzellen, wie Gewebemerkmale, Zellzahl, usw., in anonymisierter Form an das Zentrale Knochenmarkspender-Register Deutschland gemeldet. Die Eltern erhalten nach Abschluss aller Laborkontrollen innerhalb von drei Monaten die Information, ob die gespendeten Stammzellen verwendet werden konnten. Mit der Meldung an das ZKRD sind die Informationen zu den gespendeten Stammzellen aus Nabelschnurblut für Patientenanfragen weltweit abrufbar.

Die Nabelschnurblutspende an eine öffentliche Nabelschnurblutbank ist für den Spender kostenlos. Die Spende steht anschließend jedem Patienten zur Verfügung, der sie benötigt. Gerade für Patienten, die keinen passenden Stammzellspender finden, ist es häufig die letzte Chance auf Heilung, da die Gewebemerkmale nicht wie bei der „herkömmlichen“ Stammzellspende (aus dem Blut oder Knochenmark von Erwachsenen) zu 100 Prozent übereinstimmen müssen. Je mehr Spenden zur Verfügung stehen, desto größer wird für jeden einzelnen Patienten die Chance, seine passenden Stammzellen zu finden.

Das gespendete Nabelschnurblut  kann nicht mehr zurück­gefordert werden – außer es wird dringend für eine Behandlung benötigt. Möglich sind aber auch „gerichtete Spenden“: Wenn ein Geschwisterkind bereits an Blutkrebs erkrankt ist, kann das Nabelschnurblut für die Therapie dieses Kindes reserviert werden.

Wo man Nabelschnurblut spenden kann

Die Nabelschnurblut-Spende ist also eine gute Sache und viele Eltern wissen leider noch nicht, dass es diese Möglichkeit gibt. Ich hatte vor der Geburt meines Sohnes zum Thema „Nabelschnurblut privat einlagern“ recherchiert und dabei von der Spenden-Möglichkeit erfahren. Ich wollte gerne das Nabelschnurblut meines Sohnes spenden. Leider war dies aber nicht möglich – weil ich in der falschen Klinik entbunden habe. Deutschlandweit ist die Nabelschnurblut-Spende nämlich nur in jenen Kliniken möglich, die mit einer der öffentlichen Nabelschnurblutbanken kooperieren.

Die knapp 60 Partnerkliniken der DKMS findet ihr hier, die 74 Entnahmekliniken der José Carreras Stammzellbank in Dortmund stehen auf dieser Seite und die der Deutschen Stammzellspenderdatei Nabelschnurblut in Mannheim hier. Und wer in Bayern wohnt, findet hier die zehn Partnerkliniken der Stiftung Aktion Knochenmarkspende Bayern. Auf der Seite der kommerziellen eticur GmbH kann man ebenfalls nach über 600 Entnahmekliniken suchen, in denen man das Nabelschurblut der öffentlich-privaten Stammzellbank der Uniklinik Erlangen spenden kann.

Foto: Flickr/Lou Bueno unter CC BY-NC-ND 2.0

2 Kommentare

  1. Das Spenden von Stammzellen ist sicherlich moralisch sehr lobenswert. Es setzt allerdings voraus, daß das Kind nach seiner Geburt sofort abgenabelt wird. Wird die Verbindung zwischen Mutter und Kind nicht künstlich unterbrochen, holt sich der Körper des Kindes nämlich das in Plazenta und Nabelschnur geparkte , mit Stammzellen und Immunglobulinen angereicherte Blut selbst zurück. Dann reicht die Menge meistens für eine Spende nicht mehr. Man sollte also abwägen – lässt man die Nabelschnur auspulsieren und gönnt dem Kind seine eigenen Stammzellen, um beispielsweise Geburtsverletzungen schnell zu heilen und den Blutkreislauf zu stabilisieren, oder spendet man uneigennützig diese Stammzellen, um anderen zu helfen. Muß aus medizinischer Not sofort abgenabelt werden, dann wäre es natürlich schade um das schöne Blut und eine Spende würde sich anbieten.

  2. Interessanter Artikel und guter ergänzender erster Kommentar (@ K. Wallmann)! Ich hätte auch gerne gespendet, weil ich gern Dinge zur Verfügung stelle, die mich selbst „nichts gekostet“ haben, zB Plasma, Blut und nach dem Tod Organe, aber meine Entbindungsklinik untestützt das auch nicht. Da das hier das einzige nähere Krankenhaus ist, hat sich das dann erübrigt, aber schade, dass da nicht alle mitmachen. Gruß

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